PERSPEKTIVEN

Alles ist gut, so wie es ist – „Lebensweisheiten“, die unglücklich machen

von Doris Kirch | Perspektiven

Buddha-Statue umgeben von Blüten und Schmetterlingen

Bei manchen „Lebensweisheiten“ rollen sich mir die Fußnägel hoch. Denn betrachtet man sie tief und denkt sie zu Ende, kann man sehen: Manchmal schaden sie mehr, als sie nutzen. Zum Beispiel der Satz „Alles ist gut, so wie es ist“ – von vielen als Mantra für mehr Achtsamkeit, Gelassenheit und Vertrauen genutzt. Doch hält dieses „alles wunderbar“ dem Blick aus der Achtsamkeitsperspektive stand?

„Alles ist gut, so wie es ist“, ist ein Satz, den ich für ebenso tief wie gefährlich halte. Gefährlich deshalb, weil er zu einer verklärten Sichtweise auf das Leben führen kann, die genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bewirken soll.

Ist wirklich alles „gut“?

Ich höre diese Floskel häufig im Zusammenhang mit belastenden Umständen. Sie wird wie ein Mantra benutzt, das dazu dienen soll, mit einer schwierigen Situation irgendwie klarzukommen. Doch ist wirklich alles gut? Sind Krieg, Grausamkeit, Krankheit, Missbrauch, Hunger oder menschliches Leid „gut, so wie sie sind“?

Dukkha

Dem Buddha hat sich durch seine jahrzehntelange tiefe meditative Praxis die Einsicht offenbart, dass gar nichts gut ist. Im Gegenteil. Er hat erkannt, was jeder erkennen wird, der tief in die Realität hineinschaut: Unser ganzes Leben als solches ist alles andere als „gut“.

Im Gegenteil. Der Buddha beschrieb das menschliche Sein als dukkha. Dukkha ist ein Wort der altindischen Sprache Pali, das häufig mit „leidvoll“ übersetzt wird. Aber seinem Sinn nach beschreibt es eher etwas, das unbefriedigend oder suboptimal ist. Ein Rad, das nicht rund läuft.

Es fasst die Tatsache zusammen, wie unser Leben beschaffen ist: Wir bekommen nicht immer, was wir uns wünschen und brauchen. Dafür bekommen wir oft, was wir uns nicht wünschen und nicht brauchen. Im Laufe unseres Lebens werden wir unvermeidlich Verluste, Zurückweisungen und Niederlagen erleiden. Ebenso unvermeidlich werden wir irgendwann auch krank, wir werden alt und wir sterben.

Anerkennen der Wirklichkeit

Aus dieser realistischen Perspektive beschreibt die Aussage „Alles ist gut, so wie es ist“ in keiner Weise die Wirklichkeit. Eher verklärt es, bemäntelt und beschwichtigt sie. Ein bisschen so, als würde man den Kopf in den Sand stecken. Hilfreich ist das nicht. Jedenfalls langfristig nicht.

Sich mantraartig etwas schönzureden ist eine Form von Verdrängung. Doch wer seine Realität verdrängt und sich ihr nicht stellt, kann sie auch nicht gestalten. Er wird immer Sklave äußerer Umstände sein. Und nicht nur das: Widerstand fügt dem Schmerz oft noch eine zweite Schicht hinzu.

Um das zu vermeiden und Schöpfer statt Opfer seines Lebens zu sein, riet der Buddha dazu, sich dem Leidvollen bewusst zuzuwenden.

Rechte Akzeptanz

In der buddhistischen Lehre wird diese Hinwendung als Akzeptanz bezeichnet. Ein Begriff, der noch mehr Verwirrung stiftet als das Wort Liebe. Akzeptanz bedeutet eben nicht, alles gut zu finden. Es bedeutet, die Realität des gegenwärtigen Moments anzuerkennen.

Wenn jemand dich anpöbelt, dann kannst du die Augen zusammenkneifen, dir die Finger in die Ohren stecken und lauthals „La-la-la-la-la“ rufen. Ändern tut das nichts.

Aber du kannst anerkennen, was Teil deiner Realität im gegenwärtigen Moment ist: Jemand hat dich eben rüde angesprochen, und du empfindest Verletztheit und Verwirrtheit. Du spürst, wie unangenehm sich das anfühlt und dass du am liebsten aus der Situation flüchten würdest.

Doch du bleibst, stellst dich der Realität und deinem Schmerz und erfährst dadurch den Raum von innerer Freiheit. Aus dieser Freiheit der Akzeptanz heraus könntest du zum Beispiel fragen: „Wieso bist du eigentlich gerade so wütend auf mich?“

Damit trittst du heraus aus dem so vertrauten, gewöhnlichen Reaktionsmuster von Angriff und Verteidigung. Möglicherweise sieht der andere sich dadurch mit seinem Anliegen ernst genommen – und ihr könnt der Situation eine konstruktive Wendung geben.

Dieses Prinzip lässt sich im Grunde auf alle Situationen des Lebens anwenden.

„Alles ist gut, so wie es ist“ – Auf welcher Ebene man diesen Satz versteht

„Alles ist gut, so wie es ist“ kann eine große innere Wahrheit ausdrücken, wenn „gut“ bedeutet: Ich höre auf, mit der Tatsache zu kämpfen, dass dieser Augenblick ist, wie er ist. Doch aus dem Kontext kann ich sehen, dass die meisten Menschen, die ich diesen Satz sagen höre, das leider nicht in diesem Lichte sehen.

Wer Akzeptanz verstanden hat, drückt es auf diese Weise aus:
„Es ist, wie es ist“.

Das trifft den Kern. Ich muss etwas nicht gutheißen, um die Realität anzuerkennen. Achtsamkeit sagt nicht: „Alles ist wunderbar.“ Sie sagt: „Das hier ist die Wirklichkeit. Ich sehe sie, ohne sie zu verleugnen.“  

Und aus diesem scheinbaren Paradox heraus geschieht die Magie: Erst wenn ich nicht mehr darauf bestehe, dass die Wirklichkeit in diesem Augenblick anders sein muss, als sie ist, kann ich beeinflussen, was als Nächstes geschieht. Dieses klare Sehen ermöglicht angemessenes Handeln.

Reife Variante einer Binsenweisheit

Für mich ist „Alles ist gut, so wie es ist“, eine beschwichtigende Floskel: Leid wird weichgezeichnet, berechtigter Protest entwertet, Veränderungsimpulse werden stillgelegt. Im schlimmsten Fall bekommt jemand, der unter etwas real Schädlichem leidet, indirekt vermittelt: „Du musst nur lernen, es hinzunehmen.“

Genau hier wird aus heilsamer Annahme eine gefährliche Forderung nach Anpassung. Denn etwas anzunehmen, bedeutet zunächst nur, anzuerkennen, dass es jetzt so ist. Es bedeutet weder, es gutzuheißen, noch, es weiterhin zu dulden. Genau dorthin zeigt diese Lebensweisheit jedoch gewöhnlich. Und das ist weder tief noch achtsam.

Achtsamkeit: Annehmen der Wirklichkeit, wie sie ist

Achtsamkeit lädt uns dazu ein, die Dinge unverstellt zu sehen – auch dann, wenn das Gesehene eben nicht gut ist. „Es ist, wie es ist.“ beschreibt Realität. „Es ist gut, wie es ist“ bewertet sie. Genau diese kleine Verschiebung macht den Satz zu einer problematischen Weltbeschönigung. Buddhistische Einsicht ist da geradezu nüchtern: Es ist, wie es ist (und manches daran ist leidvoll).

© Doris Kirch

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WER HIER SCHREIBT

Doris Kirch, Achtsamkeitslehrerin, Ausbilderin von Achtsamkeitstrainern und Sachbuchautorin lächelt in die Kamera.

Doris Kirch

Autorin
Achtsamkeitslehrerin
Ausbilderin für Achtsamkeitstrainer & buddhistische Psychologie

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