PERSPEKTIVEN

Wie man im Schweige-Retreat ein Ei isst

von Doris Kirch | Perspektiven

Hartgekochtes Ei im Eierbecher

Ein Achtsamkeitsretreat im Schweigen hat anstrengende – aber auch unfreiwillig komische Momente, wie ich wieder einmal feststellen konnte. Während solch einer Auszeit steht das innere Erleben auf dem Prüfstand. Parallel dazu geht es aber auch um völlig pragmatische Dinge. Zum Beispiel um die Frage: Wie kommt man möglichst geräuschlos an das Innere seines hartgekochten Frühstückseis, wenn rundherum alles still ist?

Ich bin gerade zurück aus einem Schweigeretreat, das ich geleitet habe und blicke noch einmal zurück. Vor allem auf die angenehme Erfahrung, einige Tage lang unbehelligt vom Alltags-Geraffel gewesen zu sein. Und es gab auch erheiternde Momente, wie diesen hier:

Die Gruppe sitzt beim Frühstück. Es ist still, jeder ist bei sich. Plötzlich erfüllt ein Knall den Raum. Ein Teilnehmer hatte sein Ei mit Schwung auf den Tisch gehauen, um die Schale zu zertrümmern und an das begehrte Innere zu gelangen.

Anders als erwartet

Ich musste beinahe lachen bei dem Gedanken, dass den Ei-Klopfer vermutlich selbst erschreckt hat, wie laut das Geräusch durch den Raum geschallt hatte. Die Vehemenz des Aufschlagens schien unwillkürlich heftiger gewesen zu sein als beabsichtigt. Meine Vermutung erwies sich im Nachhinein als zutreffend.

Tatsächlich hatte auch ich mir bei meinem eigenen Ei bereits die Frage gestellt, ob ich die Schale mit dem Löffel stakkatoartig aufhämmern oder das Ei auf den Tisch klopfen sollte. Ich entschied mich jedoch für eine dritte Variante, die Guillotine: ich köpfte das Ei geräuschfreundlich mit dem Messer.

Womit man sich im Retreat so beschäftigt …

Nacktschnecken-Mäandern

Die Gehmeditation stellte eine weitere kuriose Herausforderung dar. In den Spätsommertagen, die gerade etwas Regen gebracht hatten, kreuzten zahlreiche Nacktschnecken unseren Weg.

Die Dinger sind wirklich gut getarnt. Wir mussten bei jedem Schritt achtgeben, nicht auf einen der glitschigen Schleimschlurfer zu treten. Diese besondere Challenge erleichterte es, den geistigen Fokus auf dem Hier und Jetzt zu halten.

In der Stille sind Geräusche so eine Sache

Wenn niemand spricht, erscheinen Nebengeräusche lauter. Manchmal zu laut. Dann kann es peinlich werden, wenn sich beim Aufstehen vom Meditationskissen mit lautem Geknatter eine Flatulenz entlädt oder wenn das eigene laute Schnarchen während des Bodyscan den Raum erfüllt. Für jedermann unüberhörbar, dass die eigene Meditation in ein friedliches Schläfchen übergegangen ist.

Ja, manchmal sticht man durch ein selbsterzeugtes Geräusch aus der Gruppe der Mit-Meditierenden heraus. Unfreiwillig. Doch als Leiterin von Achtsamkeits-Retreats ist mir wichtig, zu betonen, dass das ein normaler Vorgang ist. Wir müssen uns nicht schämen, wenn uns ein Pups entgleitet, wenn wir während der Meditation einschlafen und schnarchen – oder wenn wir husten müssen.

Höflich sein – oder bei mir bleiben?

Einmal bekam eine Teilnehmerin während der Meditation einen besorgniserregenden hochroten Kopf. Später erfuhr ich: Sie hatte krampfhaft versucht, ihren Hustenreiz zu unterdrücken.

Viele glauben, in einem Schweigeretreat still und angepasst sein zu müssen. Es ist gut, wenn man sich an die allgemeinen Retreat-Regeln hält. Aber es geht nicht darum, vitale Bedürfnisse und Impulse zu unterdrücken. Das ist nicht gut für die eigene Gesundheit. Und es ist nicht gut für die Retreat-Leiterin, die das Geschehen mit einer gewissen Besorgnis beobachtet.

Für die anderen Anwesenden ist es übrigens auch nicht gut. In einem Achtsamkeitsretreat nimmt die eigene Sensibilität von Tag zu Tag zu. Wenn jemand im Raum sich zum Beispiel quält, seinen Hustenreiz zu unterdrücken, dann ist das auch für alle anderen spürbar. Deshalb: Wenn du husten musst, dann huste.

Ich habe das auch in diesem Retreat wieder gesagt:

„Huste, solange du husten musst. Wer sich von deinem Husten genervt fühlt, der meditiert nicht, sondern fühlt sich bei seinem Dämmerschlaf gestört.“

Was die Stille offenbart

In der Stille wird nicht nur jedes Geräusch lauter, sondern auch unsere Reaktion darauf. Das Ei knallt nicht einfach nur. Sofort entstehen Erschrecken, Peinlichkeit und Gedanken wie „Oh Gott – das haben alle gehört“.

Beim Husten ist es ähnlich. Das Husten ist nicht das Problem. Das Problem ist unser Versuch, einen natürlichen körperlichen Vorgang kontrollieren zu wollen. Problematisch ist unsere soziale Konditionierung im Sinne von „Ich darf nicht (unangenehm) auffallen“.

Solche Momente in einem Schweigeretreat sind eine gute Gelegenheit, sich mit dem eigenen sozialen Angepasstsein auseinanderzusetzen. Zum Beispiel, wenn mir im Seminarhaus andere Personen begegnen. Grüße ich? Oder nicht? Erwidere ich einen Gruß oder nicht? Es gibt dafür keine Vorschriften.

Jede Begegnung stellt mich erneut vor die Frage, ob ich aus einem sozial konditionierten Reflex heraus ebenfalls „Guten Tag“ sage – oder ob ich riskiere, von anderen für einen ignoranten, asozialen Flegel gehalten zu werden.

Achtsamkeitsretreat: Training für mehr innere Freiheit

Im Achtsamkeitsretreat finden wir viel über uns selbst heraus. Unser Verhalten im Umgang mit dem Frühstücksei zu erforschen, zeigt uns, wie viel Energie wir gewöhnlich darauf verwenden, uns anzupassen, uns zu kontrollieren und einen bestimmten Eindruck zu hinterlassen. Alles nur, damit andere uns lieb haben. Im Retreat wird das sichtbar. Bei den Eiern, beim Grüßen und beim Husten.

Und wir lernen: Ein Geräusch ist einfach nur ein Geräusch. Nicht mehr. Wir können Widerstand dagegen aufbauen. Oder auch nicht. Wir können den Wunsch erzeugen, dass aufhören möge, was gerade Teil unserer Erfahrung ist (zum Beispiel, wenn jemand vom Küchenpersonal den Essraum betritt und aus vollem Herzen „Guten Morgen“ ins Schweigen hineinruft).

Wir können uns ärgern oder uns für Gelassenheit entscheiden. Wenn wir es denn können. Aber grundsätzlich sind wir frei, all das selbst zu entscheiden.

Die Freiheit, du selbst zu sein

In einem Schweigeretreat geht es nicht darum, sich durchsichtig und lautlos zu machen. Wir lernen, Geräusche, Körperempfindungen, Peinlichkeiten, Irritationen und unsere Reaktionen darauf nicht ständig unter Kontrolle bringen zu müssen. Einfach nur Mensch zu sein ist genug. Einfach nur wir selbst zu sein, ist einfach nur genug.

© Doris Kirch

WER HIER SCHREIBT

Doris Kirch, Achtsamkeitslehrerin, Ausbilderin von Achtsamkeitstrainern und Sachbuchautorin lächelt in die Kamera.

Doris Kirch

Autorin
Achtsamkeitslehrerin
Ausbilderin für Achtsamkeitstrainer & buddhistische Psychologie

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