Ein Affe schaut in einen Spiegel und erblickt ... sein Spiegelbild

Die heilende Kraft des Mutes, du selbst zu sein

Eine Selbstheilung unserer inneren Muster kann anders aussehen, als wir glauben. Kürzlich hat mich die Selbsterfahrungsreflexion einer Teilnehmerin wieder mal daran erinnert.

In unserer Achtsamkeitstrainer-Ausbildung begleiten wir die Absolventen in den ersten neun Monaten besonders intensiv. Sie durchlaufen ein systematisches Achtsamkeitstraining und dokumentieren die Entwicklung ihrer fortschreitenden Achtsamkeitspraxis in der Online-Akademie des DFME. Meine Kolleginnen und ich kommentieren jede einzelne Erfahrung. Wir ermutigen, vertiefen und führen weiter.

Einsicht ist nicht immer leicht verdaubar

Eine dieser Selbsterfahrungen hat mich kürzlich besonders tief berührt. Im Zuge ihrer sich entwickelnden Achtsamkeit eröffnete sich der Absolventin eine fast schon erleuchtungsartige innere Einsicht in Form eines einzigen – aber umfassenden Blicks auf ihre gesamte aufgewühlte innerpsychische Situation.

Solche Momente sind nicht ungewöhnlich. Nicht umsonst heißt die Praxis, die wir vermitteln, ihrem buddhistischen Ursprung nach Vipassana – was so viel wie Einsicht bedeutet. Unter anderem „Einsicht in die eigene innere Natur“. Deshalb muss man sich nicht wundern, wenn Einsicht auch entsteht.

Doch im klassischen Sinne „schön“ sind solche Erkenntnismomente manchmal nicht. Bisweilen sogar beschämend. Voller Entsetzen blicken wir auf das ganze Ausmaß an Wut, Missgunst, Selbstgefälligkeit und Gemeinheit – das (auch) ein Teil von uns ist.

Die berühmte „Leiche“ im Keller. Wohin wir sie verbannt haben, damit wir sie nicht zu sehen brauchen. Und vor allem andere nicht. Denn nicht so toll zu sein, wie wir glauben, passt einfach nicht in unser Selbstbild.

Selbsterkenntnis: Stunde der Wahrheit

Das ist tatsächlich so. Psychologische Untersuchungen bestätigen, dass wir uns gemeinhin für edler halten, als wir wirklich sind. Das ist weniger ehrenrührig, als es sich anhört. Unsere menschliche Natur umfasst nun mal das ganze Spektrum. Wir sind längst nicht nur edel, hilfreich und gut.

Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh griff dazu ein Gleichnis des Buddha auf: Alle menschenmöglichen Emotionen und Charaktereigenschaften sind als Samen in jedem von uns angelegt. Welche Samen genährt werden, hängt von verschiedenen Bedingungen ab.

Doch Tatsache ist: Jeder von uns hat alles. Aber wie gesagt – bei den edlen Eigenschaften übertreiben wir gerne etwas und bei den unedlen gucken wir lieber nicht hin.

So sah also diese Teilnehmerin schlagartig das ganze Spektrum vor sich: Sie sah all ihre Widerstände und Abneigungen, ihren Hang zu Reaktivität, den Zwang zur Perfektion, die Neigung, sich stets zu viel aufzubürden, das Gefühl immer zu kurz zu kommen und nicht genug gesehen und gewürdigt zu werden, verschiedenste Ängste, Erwartungshaltungen an sich selbst, Unruhe, Getriebenheit, Ablenkbarkeit, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Overthinking, Vermeidungstendenzen, Provozierbarkeit und Selbstverurteilung.

Psychische Meisterleistung

Aber – und jetzt kommt’s: Sie hat das nicht nur erkannt – sie hat es in ihrer Selbstreflexion auch offen und schonungslos dargelegt. Sie hat nichts beschönigt – aber auch nichts größer gemacht, als es ist. Kein Bedauern, keine Scham, keine Verbesserungsimpulse – sondern ein ungeschminktes Selbstbekenntnis. Eine klare Ansage gegenüber der Welt und sich selbst: „Ja. So ist es jetzt.“

Hast du eine Leiche im Keller, hol sie raus und tanz mit ihr.

Was finde ich daran so bedeutungsvoll? Also zum einen ist das unglaublich mutig.

Hast du den Mut, der Welt dein „schmutziges“ Gesicht zu zeigen? Nicht viele, die ich kenne, haben ihn.

Vor allem aber war das ein Befreiungsschlag. Im schützenden Raum ihrer Achtsamkeitspraxis hat die Teilnehmerin den Mut gefunden, sich ihren dunklen, schambesetzten Anteilen zuzuwenden. Damit hat sie ihnen die Macht über sich genommen.

Denn das Dunkle in uns, das der Psychoanalytiker C. G. Jung als den Schatten bezeichnete, lebt im Verborgenen. Es bezieht seine Kraft aus unserer Verdrängung. Berührt man den Schatten mit dem wärmenden Licht der Achtsamkeit, verliert er seine Macht über uns.

Dann können wir heraustreten aus dem Diktat der ständigen Selbstoptimierung. Und erkennen, dass wir nicht perfekt sind (und alle anderen ebenfalls nicht).

Der Mystiker Osho sagte über diesen Sachverhalt einmal:

„Wenn du meditierst, wirst du dir immer bewusster. Mit dieser Bewusstheit kann zunächst der Eindruck entstehen, verrückt zu werden. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Wenn du dir deiner Verrücktheit bewusst bist, gehst du bereits über sie hinaus. Ein Mensch, der erkennt, dass er verrückt ist, steht schon an der Schwelle zur geistigen Gesundheit. Ein wirklich Verrückter weiß nicht, dass er verrückt ist. (…) Wer sogar seinen Wahnsinn bewusst steuern kann, wird niemals wahnsinnig werden.“

Heilung beginnt, wo wir uns erlauben, wir selbst zu sein

Das mit dem Wahnsinn ist natürlich metaphorisch gemeint – aber ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will. Krankheitseinsicht gilt zum Beispiel als ein wichtiges Merkmal psychischer Gesundheit.

Wer sein eigenes Denken, Fühlen und inneres Erleben beobachten kann, hat eine Meta-Ebene entwickelt. Er ist nicht mehr das Gewitter – sondern die Person, die es beobachtet.

Nur wer zum Beispiel aufsteigende Ärgergefühle erkennen kann, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen, kann selbstbestimmt mit ihnen umgehen. Und das ist es auch, was wir in der Achtsamkeitspraxis trainieren.

Die heilsame Kraft der Einsicht besteht darin, dass sie uns zeigt, was ist. Doch sie kann ihre Wirkung nur entfalten, wenn wir den Mut haben, das Erkannte anzunehmen. Nicht zu beschönigen. Nicht zu verurteilen. Nicht sofort verändern zu wollen. Sondern zu sagen: „Ja. So ist es jetzt.“ Genau dort beginnt Heilung.

Die heiligste Pilgerreise ist die Reise nach innen.

Sheldon B. Kopp

© Doris Kirch

WER HIER SCHREIBT

Doris Kirch, Achtsamkeitslehrerin, Ausbilderin von Achtsamkeitstrainern und Sachbuchautorin lächelt in die Kamera.

Doris Kirch

Autorin
Achtsamkeitslehrerin
Ausbilderin für Achtsamkeitstrainer & buddhistische Psychologie

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