Bretter-Gartenzaun mit Pflanzen im Vordergrund

Wenn der Gartenzaun das Ende der Welt markiert

„Wenn du eine Regel aufstellen könntest, an die sich alle Gärtner halten müssten, welche wäre das?“ Diese simple Frage wurde gestern in einem Gartenprofil auf Instagram gestellt – und einige Antworten hatten es wirklich in sich.

Die meisten Kommentatoren würden Pflasterungen und Gift verbieten. Mit Kirschlorbeer und Flieder wäre es wohl auch vorbei. Für diejenigen, die sich dadurch angesprochen fühlten, war das wohl zu viel des Guten. Dass jemand ihren Primeln und liebevoll mit Stiefmütterchen bepflanzten Plastikpötten an den Kragen will, rief direkte Gegenwehr hervor: „Mein Garten, meine Regeln!“, war deshalb gleich mehrfach in den Kommentaren zu lesen.

Mein Garten, meine Regeln!?

Der Satz ließ mich nicht los. Das ist bei mir manchmal so: Etwas Profanes bleibt hängen – und öffnet in mir plötzlich einen weiten Horizont.

So saß ich später am Tag in „meinem“ Garten und sinnierte darüber, was in diesem Leben eigentlich „meins“ ist. Einmal abgesehen davon, dass „mein“ ein Begriff ist, der aus einem Selbst abgeleitet ist, das es nach buddhistischer Anschauung gar nicht gibt. Aber lassen wir an dieser Stelle die Spitzfindigkeiten der buddhistischen Lehre mal außen vor.

Ich weiß nicht, was mich mehr beunruhigte: die hinter diesem Statement wahrnehmbare Abwehrhaltung oder die Tatsache, dass manche Menschen offenbar überhaupt keine Verbindung zwischen ihrem Garten und der größeren Natur sehen?

In „Mein Garten, meine Regeln“, stecken unterschiedliche Vorstellungen von Eigentum und von Freiheit. Die eine Ebene ist nachvollziehbar: My Home is my Castle. Ein Garten ist für viele ein persönlicher Raum. Sie investieren Zeit, Geld, Arbeit und Herzblut.

Unsere Autonomie wird im Alltag oft schon genug beschnitten. So wird der Garten zum Zentrum von Selbstbestimmung und Identität. Einmischung von außen fühlt sich dann wie eine Grenzverletzung an.

Ein Garten ist nie nur privat

Doch diese Haltung hat einen blinden Fleck: Ein Garten ist nie nur privat.

Der Boden unter dem Garten ist Teil eines größeren Ökosystems. Das Wasser, das durch ihn hindurchsickert, fließt in dieses Ökosystem ein.

Insekten, Vögel, Mikroorganismen und sämtliche Pflanzen sind Teil dieses Zusammenhangs. Wenn jemand seinen Boden mit Folie versiegelt, mit Steinen bedeckt oder dauerhaft mit Gift behandelt, ist das mehr als eine ästhetische Entscheidung über den eigenen Besitz.

Freiheit und Verantwortung

Eigentum ist nie nur ein Recht auf Verfügung. Es ist auch mit Verantwortung verbunden. Schon im römischen Recht gab es Grenzen des Eigentums. Moderne Umweltethik geht sogar darüber hinaus: Sie sieht alles, was lebt, als Teil eines großen Systems. Wir sind nicht „Besitzer“ dieser Welt. Nicht mal eines Gartens.

Instagram-Reaktionen sind für mich oft eine spannende Quelle für psychologische Studien. Auch in diesem Fall. Schnell wurde klar: Es geht hier weniger um Gartenpflege. Es geht um eine gefühlte Bedrohung der inneren Freiheit.

Die Frage „Welche Regel würdest du für alle Gärten aufstellen?“ wird bei manchen nicht als Einladung zum Nachdenken verstanden. Sie wird als Angriff gehört: „Da will mir schon wieder jemand sagen, was ich zu tun und zu lassen habe.“

Eine egozentrische Sichtweise – allerdings nicht im Sinne moralischer Verwerflichkeit, sondern weil sie das eigene Blickfeld zum Maß aller Dinge macht. Diese Egozentrik ist die Folge einer falschen Sichtweise von Abgetrenntheit. Sie erzeugt das verzerrte Verständnis, dass unser Handeln nur innerhalb der eigenen unmittelbaren Grenzen eine Bedeutung hat. Doch unser Handeln wirkt viel weiter als wir denken können.

Eine achtsame Haltung zum Leben

Aus der Perspektive der Achtsamkeit könnte man mit dieser Frage innerlich ganz anders umgehen. Statt sie im Bereich von möglichen Verboten zu verorten, könnten wir darüber nachdenken: „Welche Haltung gegenüber dem Stückchen Erde, das mir anvertraut ist, wäre hilfreich und wünschenswert?“

Eine achtsame innere Haltung hat nie nur die eigene Person im Fokus, sondern immer auch alle anderen Wesen und „das große Ganze“.

Dem Leben dienen

Meine Antwort auf diese Frage wäre keine Regel. Kein Verbot. Und auch kein Gebot. Sondern eine Einladung, genau hinzuschauen:

„Sei dir bewusst, dass dein Garten kein Objekt ist, das dir gehört. Es ist ein Stückchen lebendiges Land, für das du vorübergehend Verantwortung trägst. Du bist nicht Herrscher, sondern Gastgeber in einem kleinen natürlichen Raum eines komplexen Zusammenlebens.“

Du fragst dich, ob ich die Posts mit der Aussage: „Mein Garten, meine Regeln“, kommentiert habe? Ich habe. Einen: „Du glaubst wirklich, die Welt endet an deinem Gartenzaun?“

Die Begrenztheit gewöhnlicher Sichtweisen, endet am Gartenzaun unseres Bewusstseins. Aber in Wirklichkeit geht es um sehr viel mehr: um die Frage nach unserem Selbstverständnis als Mensch.

Wenn aus einem Gartenzaun eine Barriere im Kopf wird

Der Gartenzaun markiert eine Grenze: Hier bin ich zuständig, dahinter nicht. Natürlich brauchen wir Grenzen. Fehlende Privatsphäre beeinträchtigt Wohlbefinden.

Doch lebensverneinend wird eine praktische Grenze, wenn sie trennt, was naturgemäß zusammengehört. Ein Zaun trennt Grundstücke. Aber er trennt nicht Boden, Wasser, Luft, Tiere, Pflanzen, klimatische Prozesse – und auch nicht die Folgen unseres persönlichen Handelns.

Eine der grundlegenden buddhistischen Anschauungen ist „anatta“. Das Konzept beschreibt die Tatsache, dass nichts isoliert und aus sich selbst heraus existiert. Leben bringt sich selbst hervor, durch Bedingungen, die miteinander verbunden sind.

Bleiben wir beim Garten. „Dein“ Apfelbaum ist nur da, weil Boden, Sonne, Regen, Bienen, Pilznetzwerke, Mikroorganismen (und deine Pflege) zu seinem Dasein beitragen. Würde nur eine dieser Bedingungen fehlen, würde es den Baum nicht geben.

Wahre Freiheit

„Mein Garten, meine Regeln“. Was nach Selbstbestimmung klingt, zeigt in Wahrheit ein begrenztes Freiheitsverständnis: Freiheit als Abwesenheit von Einmischung.

Ich möchte eine etwas weitere Definition anbieten: Freiheit bedeutet nicht nur „Niemand hat mir etwas zu sagen“, sondern vor allem: „Ich bin frei genug, Verantwortung für Zusammenhänge zu übernehmen, die größer sind als ich selbst.“

Wahre Freiheit ist nicht nur die Freiheit von etwas, sondern auch die Freiheit zu etwas.

Die einen hören bei „Regel für alle Gärten“ vor allem Bevormundung. Diejenigen mit einem achtsamen Geist hingegen, hören eine Einladung zu einem gemeinsamen heilsamen Umgang mit dem Leben.

Hier wird nicht über Steine oder Gift diskutiert. Hier stellt sich eine viel größere Frage: „Wo ziehst du die Grenze dessen, was du in dein Denken einbeziehst?“

Wo endet das, was wir als „ich“ beschreiben, wirklich? Am Rand des Körpers? An der Haut? Am Gartenzaun? Kannst du sehen, dass ein Gartenzaun zwar eine nützliche, aber letztlich eine künstliche Grenze ist?

Doris Kirch, Achtsamkeitslehrerin, Ausbilderin von Achtsamkeitstrainern und Sachbuchautorin lächelt in die Kamera.

Doris Kirch

Autorin, Achtsamkeitslehrerin und Ausbilderin für Achtsamkeitstrainer und buddhistische Psychologie

Doris Kirch am Laptop beim Schreiben an ihrem nächsten Buch
Warum ich keine Bestseller schreibe

Ich habe sechs Bücher geschrieben. Keines davon ist ein Spiegel-Bestseller. Dennoch schlafe ich ganz ausgezeichnet. Denn inzwischen weiß ich, wie solche Bestseller „gemacht“ werden. Bestseller: Die größte Illusion der Buchbranche.

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Schön gestaltete Grafik für die "Mindful Moday Inspirations" von Doris Kirch: Jeden Montag ein achtsame Inspiration für die Woche. Am besten gleich abonnieren. ;-)