Ein goldenes Engelchen schläft auf einer Mauerkante

Aus Schwäche

Ich habe gerade eine wenig glamouröse Performance im Laden meines Bio-Dealers hingelegt. Die Ladnerin, eine weitere Kundin und ich. Man wechselt ein paar nette Worte und landet direkt beim Thema Depression. Mein Claim! Darüber weiß ich was. Die meisten anderen auch. Glauben sie wenigstens. 

So höre ich zum gefühlt hunderttausendsten Mal jene Weisheiten über Depression, die so unglücklich an der Realität vorbeigehen. Ich denke an mein Buch zum Thema, das in wenigen Tagen erscheint – und fühle mich zu einem Kreuzzug aufgerufen, hier eklatante Wissenslücken zu schließen.

Keine gute Idee

33 Grad, 85 % Luftfeuchtigkeit. Ich bin nach einem grippalen Infekt gerade wieder auf den Beinen – die noch wackelig sind. Mein Atem ist kurz. Ich zittere vor Schwäche.

Noch während eine Schweißperle sich auf den Weg macht, meinen Rücken hinabzurinnen, um zwischen den Pobacken zu verschwinden, möchte ein zartes inneres Stimmchen mich davor warnen, hier jetzt in den Ring zu steigen. „Lass gut sein. Fahr‘ nach Hause und pack dich ins Bett.“

Zu spät

Doch schon längst hat der geistige Modus der Ereiferung das Ruder übernommen.

Kurz und knapp bringe ich mein Wissen an die Frauen. Meine Stimme: gepresst. Ich rede schnell – zu schnell. Fühle Ungeduld und Ungehaltenheit angesichts der scheinbaren Unwissenheit der anderen. Höre nicht zu. Lasse nicht ausreden. Fühle mich nicht ein.

Irgendwann verhindert meine Schwäche Schlimmeres. Ich muss gehen, sonst breche ich zusammen. Wenigstens gelingt mir noch ein freundliches Abschiedswort.

Auf dem Weg nach Hause erlangt die Besinnung wieder die Oberhand. Ich reflektiere die letzten 10 Minuten meines Daseins. Kopfschütteln über mich selbst. Wie konnte ich mich so hinreißen lassen?

Fettnäpfchen

Lange schon ist meine Antwort auf solche peinlichen Entgleisungen nicht mehr Selbstverurteilung. Eher Mitgefühl. Ich war wirklich nicht bei mir. Ich war „außer mir“. Aus Schwäche. Das Resultat des unseligen Konglomerats aus Rekonvaleszenz und Wetterlage.

Ich möchte ein guter Mensch sein. Anderen zuhören. Ihre Erfahrungen respektieren. Gelassenheit verströmen, freundlich, zugewandt und ermutigend sein. Und ja, das ist meine innerste Essenz.

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, lautet das bekannte Zitat des Schriftstellers Ödön von Horváth.

Was hindert uns daran, wir selbst zu sein?

Wieso kommen wir so selten dazu?

Das geschieht immer dann, wenn wir den Kontakt zu uns verlieren – wenn wir „außer uns“ geraten. Und das geschieht, wenn wir uns zu viel aufbürden. Zu viele Aufgaben, zu viel Engagement, zu viele Verpflichtungen, zu viele Freizeitaktivitäten. Zu viel Anspruch an uns selbst. Aber auch, wenn zu viel Schmerzen da sind. Zu viel Leid.

Gewöhnlich ist es ein Zuviel, das uns in die Schwäche treibt. Sie verhindert, dass wir mit dem Besten in uns in Kontakt sind. Im Zustand innerer Schwäche sind wir abgeschnitten von Gelassenheit, Freundlichkeit und Mitgefühl.

Um die beste Version von uns selbst zu leben, sollten wir entschleunigen. Und reduzieren. Oft ist weniger mehr. Dann hören wir nicht nur die innere Stimme, die uns vor Abwegen warnt – wir folgen ihr auch.

Ich hätte es mir heute im Schatten unter den Bäumen meines Gartens gemütlich machen und den Einkauf auf nächste Woche verschieben sollen. Oder ihn von jemand anderem erledigen lassen. Und selbst ohne diesen Einkauf wäre ich weder verhungert noch verdurstet.

Lächelnd und dankbar sinniere ich noch eine Weile über die heutige Lektion des Lebens für mich nach. 

Doris Kirch, Achtsamkeitslehrerin, Ausbilderin von Achtsamkeitstrainern und Sachbuchautorin lächelt in die Kamera.

Doris Kirch

Autorin, Achtsamkeitslehrerin und Ausbilderin für Achtsamkeitstrainer und buddhistische Psychologie

Doris Kirch am Laptop beim Schreiben an ihrem nächsten Buch
Warum ich keine Bestseller schreibe

Ich habe sechs Bücher geschrieben. Keines davon ist ein Spiegel-Bestseller. Dennoch schlafe ich ganz ausgezeichnet. Denn inzwischen weiß ich, wie solche Bestseller „gemacht“ werden. Bestseller: Die größte Illusion der Buchbranche.

weiterlesen
Schön gestaltete Grafik für die "Mindful Moday Inspirations" von Doris Kirch: Jeden Montag ein achtsame Inspiration für die Woche. Am besten gleich abonnieren. ;-)