Du wünschst dir eine mitfühlendere Welt? Dann bist du damit sicher nicht allein. Doch Hand aufs Herz: Wie ist es denn um dein Mitgefühl bestellt? Wie mitfühlend gehst du mit anderen Menschen um? Mit anderen Wesen? Und nicht zuletzt mit dir selbst?
Warme Hände – kaltes Herz
Ich kenne so viele Menschen, die hilfs- und spendenbereit sind, denen Tier- und Umweltschutz am Herzen liegen. Und ich frage mich, warum diese Welt dennoch solch ein kalter Ort ist. Vielleicht, weil vieles, das wir für Mitgefühl halten, eher einem sozial konditionierten Automatismus als echter Herzensgüte entspringt?
Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der ein mitfühlendes Herz nicht als erstrebenswerte Tugend gilt – und deshalb nicht gefördert wird? Wird nicht oft mit warmen Händen aber mit einem kaltem Herzen gegeben?
Kein Gefühl für Mitgefühl
Ein Ereignis aus jüngster Zeit hat mich in dieser Hinsicht zum Nachdenken gebracht. Es war ein Gespräch mit einem Menschen, dessen großes Verantwortungsbewusstsein und ausgeprägte Hilfsbereitschaft ich sehr schätze.
Die Person erzählte, sie habe kürzlich bei einem Umzug gesehen, dass ein Möbelarbeiter zwei übereinandergestapelte Umzugskisten auf dem Rücken eine Treppe hinaufgeschleppt habe. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte: „So etwas geht ja gar nicht.“
Ich stimmte ihr zu. Und während ich voller Mitgefühl daran dachte, welche Last dieser Mensch Tag für Tag schleppt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen – und was das für seinen Rücken bedeutet, fügte meine Gesprächspartnerin noch einen Satz hinzu: „Wenn die Kartons verrutscht wären, dann wären die ganzen Sachen die Treppe runtergefallen.“
Mitgefühl bedeutet nicht in erster Linie, etwas für jemanden zu tun. Es bedeutet vor allem, den anderen überhaupt wahrzunehmen.
Gleicher Himmel, anderer Horizont
Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont, habe ich einmal gelesen. Das Gespräch über den Möbelarbeiter ließ mich betroffen zurück.
Ja, leider leben wir in einer Welt, in der Dingen oft eine größere Bedeutung zumessen wird als Menschen. Wieder einmal dachte ich, dass wir mehr Liebe und Mitgefühl in dieser Welt brauchen – Metta und Karuna in der buddhistischen Psychologie.
Mitgefühl kultivieren
Leider werden solche Werte in unserem Schulsystem nicht vermittelt und auch nicht gefördert. Es basiert auf Belohnung und Bestrafung, Vergleich mit anderen und dem Streben nach Erfolg.
Doch die Basis für mitfühlendes Handeln ist ein mitfühlendes Herz.
Wenn wir uns eine mitfühlendere Welt wünschen, sollten wir die Sache also selbst in die Hand nehmen.
So, wie wir es im Deutschen Fachzentrum für Achtsamkeit (DFME) tun. Wenn ich dort eine Woche lang achtsames Selbstmitgefühl unterrichte oder Achtsamkeitstrainer ausbilde, dann sehe ich in den Teilnehmern Mitgefühl erblühen. Flourishing. Wie ein Lotus, der tief im Schlamm wurzelt und in der Sonne seine Blütenblätter öffnet, um der Welt sein starkes, zartes Herz zum Geschenk zu machen.
Gemeinsam Mitgefühl praktizieren
Und dabei merke ich, wie sich auch in mir etwas löst. Jedes Mal aufs Neue. Ich bin in den Themen Achtsamkeit und Mitgefühl schon lange zu Hause – und doch kann ich sehen, dass auch mein Herz von der Kälte der Welt beeinträchtigt wird.
Wenn ich das bemerke, wird mir immer wieder bewusst, wie wichtig es ist, gemeinsam zu praktizieren. Wir brauchen Menschen, Gleichgesinnte, die uns immer wieder daran erinnern, aus dem Herzen zu leben.




