Die orakelhafte Ankündigung des Endes meiner angenehmen Tage traf mich unvorbereitet am frühen Morgen. Beim Blick in die Wetter-App.
Als Achtsamkeitslehrerin bin ich gewohnt, die Wirkung äußerer Einflüsse auf meinen Körper wahrzunehmen – und tatsächlich: die Botschaft verfehlte nicht ihr Ziel. Eine leichte Irritation fand ihren Niederschlag in einem kurzen flauen Gefühl im Magen.
Wie gewohnt, schleppten sich die Gedanken dem Körpergefühl hinterher. Es gab Entwarnung: „Oh, hier wird nicht eine ungemütliche Lebensphase angekündigt, sondern eine Änderung der Wetterlage“. Es wird sommerlich warm. Das Ende der angenehmen Tage!?
Wenn du das irritierend findest, dann geht es dir wie mir.
Mit der Medienweisheit „Only bad news are good news“ legitimieren Schreiberlinge schon seit Beginn des Buch- und Zeitungsdrucks jene Art von Sprache, die starke Emotionen erzeugt. Es geht um Klickzahlen und Verweildauern. Das ist bares Geld!
„Ab Freitag dürfen wir uns auf hochsommerliche Temperaturen freuen“, lockt doch keinen hinterm Ofen vor.
Die Prophezeihung des Endes der angenehmen Tage hingegen schon. Das schürt Gefühle, und der Blick bleibt erstmal hängen – und wir scrollen weiter. Wir wollen wissen, auf welche Weise das Verhängnis seinen Lauf nimmt.
Worte sind mehr als Schall
Worte sind nicht nur Worte – nicht nur Schall, der unsere Ohren trifft. Worte erzeugen Gefühle. Gefühle erzeugen Stimmungen. Deshalb ist es nicht egal, was wir hören, lesen oder sagen.
Der türkische Dichter Yunus Emre schreibt über die Redekunst: „Nur ein Wort schon trennt dich von deinem Meister“.
Der Mann hat’s verstanden. Es ist nicht egal, was wir sagen und wie wir kommunizieren.
Für mich ist es eine schöne Achtsamkeitspraxis, meine Worte bewusst zu wählen. Achtsam Reden. Nicht immer gelingt das, aber es ist die Absicht, die zählt: Die innere Ausrichtung auf eine Sprache, die stärkt, die wahrhaftig ist und die andere wohlfühlen lässt.
Sprache färbt auch unsere Angewohnheiten, wie wir über Dinge denken. „Letzter angenehmer Tag“ suggeriert, dass uns etwas Schlimmes bevorsteht.
Okay, über 32 Grad jubelt vielleicht nicht jeder. Aber dennoch: Es ist Sommerzeit, Zeit zum Baden, zum Grillen, für Open-Air-Festivals und um den blassen Bauch mal in die Sonne zu hängen.
In unserer Gesellschaft herrscht die Neigung, jede kleine Abweichung der Norm zu katastrophieren. Als ob unser Leben nicht schon genug Herausforderungen hätte. Und Dinge, die uns gruseln.
„Letzter angenehmer Tag“ hat eine Bedrohung im Gepäck. Nicht stark – aber dennoch spürbar. Für mich waren diese drei Worte nur nachdenkenswert – die unterschwellige Botschaft für mich leicht einzuordnen. Aber bei einer verletzlichen Person könnten sie als Trigger wirken – wenn unbemerkt eine vorhandene depressive Dynamik in Gang gesetzt wird. Der Feind hat dann nicht mal ein Gesicht.
Die Wirkung von Worten wurde mal von irgendwem in einer einfachen Weisheit zusammengefasst:
- Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu deinen Worten.
- Achte auf deine Worte, denn sie werden zu deinen Handlungen.
- Achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu deinen Gewohnheiten.
- Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Charakter.
- Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
Auch wenn die Wetter-App mir meinen letzten angenehmen Tag verkündet hat: ich bin wild entschlossen, die bevorstehenden heißen Sommertage auf der Veranda mit den Füßen im kühlen Wassereimer aus vollen Zügen zu genießen.
