Hantelscheiben in einem Fitnessstudio

Zwischen Schweiß und Selbsterkenntnis

Achtsamkeit im Fitnessstudio

Ist es dir auch schon mal aufgefallen: Das Fitnessstudio ist ein perfekter Ort zum Praktizieren von Achtsamkeit. Da kommt der Platz auf dem Meditationskissen kaum mit. Mir fiel das heute auf, als ich nach längerer krankheitsbedingter Ausfallzeit mal wieder die Hanteln schwingen ging.

Über einen Mangel an Achtsamkeitsübungen braucht man sich dabei keine Sorgen zu machen, denn die äußeren Gegebenheiten bieten natürlicherweise ein ergiebiges Übungsfeld, an dem der Geist sich schulen kann. Der eigene Körper und die eigene Kopfkirmes natürlich auch.

Laufband-Zen

Gewappnet mit Handtuch und Wasserflasche starte ich mein Warming-up: Laufband-Zen – Laufen, um nirgends anzukommen. Und das bei einstellbarer Geschwindigkeit. Davon konnte der Buddha nur träumen.

Begleitet von lauter elektronischer Musik die erbarmungslos auf meine Ohren einhämmert, gelange ich ziellos zum Ziel: Nach 30 Minuten bin ich genau dort, wo ich angefangen habe – nur erschöpfter. Philosophisch betrachtet eine bemerkenswerte Metapher für so manches menschliche Streben.

Freie Wildbahn: Das Fitnessstudio

Runter vom Laufband und ab in die freie Wildbahn. Sogleich bin ich mit Territorialverhalten konfrontiert: Mit Handtuch, Trinkflasche und Smartphone wurden Besitzansprüche an Hantelbänken und Geräten bereits deutlich markiert. Ich fühle eine unangenehme Gefühlstönung in mir aufsteigen. Sie löst sich auf, als ich aus der Situation eine Übung in Geduld und achtsamem Warten mache.

Der Wildbahn-Gedanke lässt mich nicht los. Das unüberhörbare Stöhnen, Schnauben und Keuchen des Mannes neben mir weckt die Assoziation an das Imponiergehabe eines brünstigen Hirsches. Ein Geweih hat der Mann nicht – aber sein Muskelshirt erfüllt einen ähnlichen Zweck.

Abgelenkter Geist

Ich registriere meine Gedanken. Bewertend sind sie nicht – eher amüsiert. Ich versuche, mich auf meinen Atem und meine Bewegungen zu konzentrieren. Angesichts der Geräuschkulisse eine fortgeschrittene Achtsamkeitsübung.

Kurze Pause zwischen den einzelnen Sätzen. Die Aufmerksamkeit verlagert sich wieder mehr nach außen. Es gibt aber auch viel zu sehen. Zum Beispiel das „Smartphone-Pumping“: Fünf Wiederholungen mit der Hantel– zwei Minuten Instagram. Körper im Studio, Geist irgendwo zwischen Bali, Katzenvideos und Proteinpulver.

Die Achtsamkeitsglocke des Gym

Weiter geht’s. Handtuch auf den nächsten Sitz. Wieder drücke ich dem Buddha meinen Hintern aufs Gesicht. (Eine Freundin hat mein Handtuch mit kleinen Buddhas bestickt).

Den Beginn der nächsten Move-Sequenz markiert die „Klangschale des Fitnessstudios“: eine Hantelscheibe, die mit maximalem Krach auf den Boden fällt. Als würden Gewichte, die man laut fallen lässt, mehr Muskeln machen.

Dabei könnte es so schön sein: Achtsamkeit üben, indem man die Gewichte bewusst ablegt, statt sie einfach fallenzulassen. Oder dass man sie wieder dort ablegt, wo sie hingehören. Überraschend viele scheitern an dieser hochkomplexen Übung. Ihr Blick geht in den Spiegel – nicht nach innen.

Selbstoptimierung im Monatsabo

Aber Spaß beiseite. Für viele scheint das Gym ein Ort der Selbstoptimierung zu sein. Es ist nichts daran auszusetzen, seinen Körper zu formen, um attraktiver auszusehen. Als junge Frau war ich selbst mal Teil eines „Team of better Bodies“ innerhalb meines Fitnessstudios.

Doch mir kommen dabei auch andere Gedanken in den Sinn. Zum Beispiel die Nähe zum Getriebensein eines „Nie genug“: Immer noch fitter, noch stärker, noch schlanker, noch definierter. Wenn ein Ziel erreicht ist, steht das nächste schon bereit. Das bringt eine Unruhe in den Geist, die irgendwann zum Grundmodus werden kann. Dann können wir nicht mehr damit aufhören, irgendwohin zu wollen, etwas erreichen, verbessern oder loswerden müssen.

So fördern wir ein Getriebensein, das uns davon abhält, dort zu sein, wo wir gerade sind – dort, wo unser Leben sich abspielt: Im Hier und Jetzt.

Intrinsisch motiviert

Dieses Bewusstsein gibt meinem Training eine besondere Bedeutung und Qualität. Viele müssen sich dazu zwingen, ins Fitnessstudio zu gehen. Bei mir ist das anders. Mir macht es Freude. Denn ich erfülle das, was ich tue, mit Achtsamkeit und Bewusstsein. Für mich sind körperliches Training und Achtsamkeitstraining keine getrennten Dinge.

Ich mag den Dialog mit meinem Körper und mit jedem einzelnen Muskel. Es ist kein Ehrgeiz, der mich treibt, kein Selbstoptimierungszwang. Es ist die Neugier auf die Interaktion mit meinem Körper, auf die Möglichkeiten und Grenzen, die er mir heute bietet. Dabei kultiviere ich Dankbarkeit für all die Bewegungen, die er mir ermöglicht – auch wenn heute nicht mehr so viel geht wie früher, als ich jung war.

Die Gewichte verändern sich nicht – aber der, der sie hebt

Ich staune immer wieder darüber, wie groß die Diskrepanz sein kann zwischen den Trainingsideen, die mein Kopf hat und dem, was der Körper davon hält. Mein Achtsamkeitstraining ist deshalb: Wahrzunehmen, was tatsächlich da ist, statt ausschließlich einer gedanklichen Vorstellung zu folgen und mir selbst einen starren Trainingsplan überzustülpen.

Wann trainiere ich meinen Körper – und wann trainiert mein Ehrgeiz mich? Von außen sieht beides gleich aus. Innen überhaupt nicht.

Achtsam zu trainieren, bedeutet für mich: Wach, aufmerksam und neugierig zu sein. Wo vergleiche ich mich mit anderen? Wo entwickle ich zu viel Ehrgeiz? Wo bin ich versucht, meine Grenzen zu ignorieren – und wo teste ich sie gar nicht erst aus?

Dialog mit dem Körper ist Wahrnehmungstraining

Körperliches Training ist eine fantastische Möglichkeit, differenzierte Wahrnehmung zu üben. Gewöhnlich sagen wir, etwas tue weh. Doch beim genaueren Hinschauen beinhaltet das ganz verschiedene Erfahrungen: Brennen, Ziehen, Druck, Ermüdung – und auch wirklichen Schmerz.

Diese Art des Sehens kultiviert Achtsamkeit ganz allgemein. Wir gewöhnen uns an, genauer wahrzunehmen, eine Erfahrung in ihre Bestandteile zu zerlegen, um sie dadurch besser zu verstehen. Das ermöglicht uns eine viel klügere und umsichtigere Antwort auf ein Geschehen.

Dem Geist beim Arbeiten zuschauen

Ich beobachte gerne, wie mein Geist arbeitet. Zum Beispiel in solch einem Moment: Ich habe meinen Trainingsplan. Und dann sitzt jemand auf dem nächsten Trainingsgerät und scrollt gemütlich durch Instagram. Kein Einzelfall.

Entwickle ich auf der Stelle wertende Gedanken, die in ärgerlichen Gefühlen münden? Oder schaffe ich es, meine innere Bewegtheit zu beoachten, nicht reaktiv zu werden, sondern mir stattdessen zu überlegen, ob ich die Situation als Übung in Geduld nehme, oder ein anderes Gerät vorziehe – oder ob ich die Person freundlich anspreche.

In der Muckibude kann man mehr machen, als Hanteln zu schwingen. Trotz aller Ablenkungen. Ein Fitnessstudio ist deshalb ein guter Ort für Achtsamkeit, weil dort ständig etwas passiert, das unseren Geist sichtbar macht. Anstrengung, Ehrgeiz, Vergleich, Ungeduld, Selbstbild, Widerstand, Erwartungen, Grenzen. Es ist ein Ort der Selbstbegegnung, der uns dabei unterstützen kann, unsere Achtsamkeitspraxis zu vertiefen.

Doris Kirch, Achtsamkeitslehrerin, Ausbilderin von Achtsamkeitstrainern und Sachbuchautorin lächelt in die Kamera.

Doris Kirch

Autorin, Achtsamkeitslehrerin und Ausbilderin für Achtsamkeitstrainer und buddhistische Psychologie

Ein goldenes Engelchen schläft auf einer Mauerkante
Aus Schwäche

Ich habe gerade eine wenig glamouröse Performance im Laden meines Bio-Dealers hingelegt. Wie kommt es, dass wir manchmal einfach „voll daneben“ sind?

weiterlesen
Schön gestaltete Grafik für die "Mindful Moday Inspirations" von Doris Kirch: Jeden Montag ein achtsame Inspiration für die Woche. Am besten gleich abonnieren. ;-)