Unser Gehirn ist ein großer Magier. Es verknüpft Wahrnehmung und Interpretation zu genialen Zauber-Shows und lässt uns Dinge sehen, die gar nicht da sind. So wurde das Bild eines kleinen Vogels zu einer Aussage über mein Befinden.
Kürzlich bereitete mir die Grafik eines knallbunten Paradiesvogels große Freude. Und weil der Piepmatz mir so gut gefiel, landete er in meiner WhatsApp-Story. Das Bemerkenswerte an dem Vögelchen waren seine Augen. Im Gegensatz zum lebensfrohen Gefieder waren die nämlich ganz traurig. Es war wohl gerade dieser Gegensatz, der mich angesprochen hatte.
Sehen, was nicht da ist
Es dauerte gar nicht lange, da flatterten WhatsApp-Nachrichten dieser Art herein:
„Oh, warum so traurig?“
Meine Antwort:
„Ich weiß nicht, warum der Vogel traurig ist.“
Natürlich ging es nicht um den Flattermann; die Reaktionen auf das Bild galten meiner Person. Aus der Tatsache, dass ich etwas mit traurigen Augen in meine Story gestellt hatte, wurde gefolgert, dass ich traurig sei. War ich aber gar nicht.
Das Gehirn hasst Lücken und liebt Geschichten
An dieser Stelle beginnt die Zaubershow des Gehirns: Es konstruiert aus einzelnen Wahrnehmungen automatisch eine Geschichte.
Warum es das tut? Weil unser Gehirn Lücken hasst und Geschichten liebt. Wir brauchen Geschichten, weil wir ein eingebautes „Kohärenzbedürfnis“ haben.
Das heißt: Als menschliche Wesen sind wir von dem Verlangen getrieben, gedanklich einordnen zu können, was wir wahrnehmen. Weil einzelne Wahrnehmungen, Lücken oder Mehrdeutigkeiten Unsicherheit erzeugen können, liebt unser Gehirn stimmige, zusammenhängende Erklärungen.
Fehlen Informationen für eine plausible Geschichte, weiß unser Gehirn sich zu helfen: Es fügt aus internen Speichern einfach welche hinzu. So lange, bis es passt.
Beim Vogel etwa:
Traurig wirkender Vogel → Doris postet ihn → Doris ist traurig
Das ergibt eine stimmige Geschichte! Leider entspricht sie nicht der Realität. Doch das Gehirn stört das wenig. Es hat eine feine Geschichte konstruiert – und verkauft sie uns als Wirklichkeit.
Wie aus Wahrnehmung Interpretation wird
Was wir als „Wahrnehmung“ bezeichnen, ist keine neutrale Kameraaufnahme. Um möglichst schnell eine brauchbare „Wirklichkeit“ für uns herzustellen, kombiniert unser Gehirn die unvollständigen Sinnesinformationen mit Vorerfahrungen, Erwartungen, Erinnerungen und dem jeweiligen Kontext.
Im Dienst unseres Überlebens unterwegs
Diese Dinge geschehen im Gehirn nicht zufällig. Sie folgen einem Plan. Einem sehr alten Plan, der das Überleben unserer Spezies sichern sollte. Er war erfolgreich, wie man sieht – aber welche weitergehenden Konsequenzen er für uns hat, das hat die Evolution leider nicht interessiert.
Um (über)lebensfähig zu sein, können wir nicht jede Situation in Ruhe von Grund auf analysieren. Vorwissen erlaubt uns eine blitzschnelle Einordnung. Außerdem arbeitet unser Gehirn viel ökonomischer, wenn es Wahrgenommenes anhand gespeicherter Muster erkennt, statt ständig alles neu zu berechnen.
Um zeitnah handlungsfähig zu sein, muss das Gehirn möglichst schnell aus einem „Da ist etwas“ ein „Was bedeutet das für mich?“ machen. Mehrdeutigkeit kann zum Beispiel auf eine Gefahrensituation hinweisen. In solchen Momenten ist eine vorschnelle Interpretation evolutionär gesehen, oft weniger kostspielig als eine zu langsame.
Wahrnehmung und Interpretation verwechseln
Kommen wir nochmal auf die Sache mit dem Vogel zurück. Die Sinnesinformation lautet ungefähr: Vogel. Augenform. Gesichtsausdruck.
Das Gehirn liest in menschlichen Gesichtern und es weiß, wie traurige Augen aussehen. Es entsteht der Gedanke: „Der Vogel sieht traurig aus.“
Bereits hier entsteht die erste Interpretation. Die Wahrnehmung war: Der Vogel hat heruntergezogene Augenwinkel.
Dann kommt die nächste Interpretation: „Doris hat hat einen traurigen Vogel gepostet. Also muss Doris traurig sein.“
Jede dieser Interpretationen fühlt sich subjektiv nicht wie eine Schlussfolgerung an, sondern wie die Realität. Wir erleben die Interpretation, als hätten wir sie wahrgenommen.
Don’t believe everything you think
Ich liebe diesen Aphorismus im Zusammenhang mit Wahrnehmung und Interpretation. Er sagt nicht, dass unsere interpretierenden Gedanken ein Problem sind. Ohne Interpretation könnten wir uns in der Welt kaum orientieren. Der Satz erinnert uns daran, dass wir nicht jeden Satz glauben müssen, den das Gehirn absondert.
Das Problem beginnt, wenn wir nicht merken, so wir interpretieren – und wo wir unsere Gedanken über eine Situation für die Situation selbst halten.
„Schatz, wir müssen reden“
Nehmen wir als Beispiel mal einen Klassiker. Stell dir vor, du erhältst die knappe Nachricht „Wir müssen reden!“
Noch bevor irgendetwas geschehen ist, hat dein magisches Gehirn bereits eine (illusionäre) Geschichte hervorgezaubert. Ärger, Angst oder sogar Verteidigungsimpulse setzen ein.
Und alles, was jetzt folgt ist keine Reaktion auf die Nachricht. Es ist eine Reaktion auf deine Interpretation dieser Nachricht. Du fährst die Verteidigungslinie hoch – auf der Basis von … Nichts.
Die Illusion mit Achtsamkeit entzaubern
Achtsamkeit soll die interpretierenden Gedanken nicht unterdrücken. Sie hilft uns dabei, den Prozess überhaupt zu erkennen:
- Was habe ich tatsächlich wahrgenommen?
- Welche Gedanken hat mein Geist daraus gemacht?
- Reagiere ich auf die Realität oder auf meine Gedanken über die Realität?
Das geht weit über „Gedanken sind keine Fakten“ hinaus.
Mit Achtsamkeit Wahrnehmung und Interpretation unterscheiden
Ich möchte dich zu einer spannenden Challenge einladen: Achte bei deinen Reaktionen in den kommenden Tagen darauf, wo du auf eine Interpretation statt auf die Wahrnehmung selbst reagierst. Und mach dir auch die Freude, zu beobachten, was dabei herauskommt, wenn du das tust. Ich garantiere dir: Diese kleine Übung wird dein Bewusstsein für die falsche gedankliche Interpretation von Geschehnissen für immer verändern.
© Doris Kirch
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